Von
wegen ausgestorbenJean-François Wollbrett, 28, ist Präsident und Gründer des
Vereins "Alsace - Junge fers Elsassische" . Sein Verein organisiert
Sprachkurse und beteiligt sich auch an der Organisation des großen elsässischen
Sprach- und Kulturfestivals "E Friejohr fer unseri Sproch", das vom
18. bis zum 26. März stattfindet.
Mit ihm sprach Silke Koltrowitz.
BZ: Spontan assoziiert man das Elsässische eher mit der älteren
Generation. Wieso begeistern Sie sich, mit 28 Jahren, so für diesen Dialekt
?
Wollbrett : Wenn man sich mit der kulturellen und historischen Bedeutung der
Regionalsprache beschäftigt, versteht man, wie wichtig es ist, dass sie fortlebt.
BZ: Die Zahl der Sprecher geht aber zurück. Gibt es denn noch junge
Leute, die Elsässisch sprechen oder wenigstens verstehen ?
Wollbrett : Doch, zum Glück gibt es die noch, wenn sie auch nicht in der Mehrheit
sind. Es gibt aber keinen Grund, schwarz zu sehen. Das Elsässische ist immerhin
die meistgesprochene Regionalsprache Frankreichs und immer mehr junge Elsässer
stehen dem Dialekt positiv gegenüber.
BZ: Erleben Sie trotzdem manchmal negative Reaktionen, wenn Sie von
Ihrem Engagement erzählen ?
Wollbrett : Das ist ja gerade der Fortschritt, dass es solche Reaktionen kaum
mehr gibt, wenigstens nicht bei jungen Leuten. Es sind oft die älteren, die
den Krieg und die nachfolgende Zurückdrängung des Dialekts und der elsässischen
Kultur erlebt haben, die sich diese ablehnende Haltung bis heute bewahrt haben.
BZ: Die deutsche Sprache erfreut sich bei französischen Schülern nicht
gerade besonderer Beliebtheit. Hat das auch Konsequenzen fürs Elsässische ?
Wollbrett: Viele Schüler finden Deutsch schwierig. Denen, die den Dialekt beherrschen,
fällt das Deutschlernen leichter, sie wachsen in die Zweisprachigkeit. Da immer
weniger Franzosen Deutsch lernen, sehr viele aber in Deutschland oder der Schweiz
arbeiten, haben die zweisprachigen Elsässer hier einen deutlichen Vorteil auf
dem Arbeitsmarkt.
BZ: Glauben Sie denn wirklich daran, dass das Elsässische noch zu retten
ist ?
Wollbrett: Ja, natürlich, sonst wäre ich nicht Präsident meines Vereins. Irgendwie
scheint es heute in Mode zu sein, das Elsässische als fast ausgestorben anzusehen.
Davon kann bei einer halben Million Sprecher doch keine Rede sein. Wenn die
Elsässer selbst an die Zukunft ihrer Sprache glauben, dann wird sie auch nicht
verschwinden.
BZ: Gibt es, bedingt durch die besondere Geschichte der Region, heute
noch ein elsässisches Identitätsproblem ?
Wollbrett: Auf jeden Fall. Irgendwie will die Vergangenheit hier nicht wirklich
vergehen. Und dass die regionale Identität der Elsässer nach 1945 nicht nur
einer Zensur, sondern vielmehr einer Selbstzensur zum Opfer gefallen ist, wird
bis heute kaum thematisiert. Es ist höchste Zeit, das Elsässische endlich zu
rehabilitieren.
Redde
mer Elsassisch! Güete´ n Owe binander." Der erste Satz ist der Begrüßung gewidmet und ein Akt reiner Höflichkeit. Der zweite Satz, den Bénédicte Keck an diesem Abend an die Runde spricht, fällt bereits mit einem gewissen Hintergedanken. "Weller Daa sinn mir hitt?" Spätestens jetzt trennt sich die Spreu vom Weizen. Spätestens jetzt zeigt sich, ob die 22-jährige Studentin aus Herrlisheim den Anfänger- oder den Fortgeschrittenenkurs vor sich sitzen hat. Es entsteht eine kurze Pause, in der die Teilnehmer des Elsässischkurses des Vereins "Alsace - Junge fers Elsassische" (AJFE) kurz überlegen. "Hit sinn mir Diensdàà." Ach so.
Bénédicte Keck bringt der bunt gemischten Gruppe Lernwilliger in der Bibliothek des Amts für elsässische Sprache und Kultur (OLCA) in Straßburg jeden Dienstag ihre Landessprache näher. Es war zunächst ein Versuch, doch dann war die Nachfrage so groß, dass sie den Kurs inzwischen geteilt hat. Um halb sieben sind die Anfänger an der Reihe. Das erklärt das Zögern vor der Antwort.
"Wir lernen Elsässisch, nicht Deutsch" , betont Bénédicte Keck. "Deutschkenntnisse erleichtern das Erlernen des Dialekts vielleicht etwas, sind aber keineswegs Voraussetzung." Die Motivationen, sich mit dem Elsässischen vertraut zu machen, sind unter den Kursteilnehmern ganz unterschiedlich. Sie sei erst vor vier Jahren hierher gezogen, erzählt eine junge Frau. "Je besser ich den Dialekt lerne, desto heimischer fühle ich mich hier." Jörg, den es erst vor wenigen Monaten aus dem Rheinland nach Straßburg verschlagen hat, findet das Elsässisch "einfach lustig" . "Da ich auch zu Hause in Deutschland nicht richtig Mundart sprechen kann, dachte ich, ich probier´ s mal mit Elsässisch. Außerdem habe ich das Gefühl, dass das Dialektsprechen hier nicht so negativ besetzt ist wie in Deutschland." Noch hat sein "Hit sinn mir Diensdàà" eine eigenartige Melodie, aber Jörg arbeitet noch dran.
Meritxell, 23, Medizinstudentin aus dem spanischen Katalonien, bekennt, sie spreche "noch nicht sehr gut Französisch, aber als Katalanin bin ich natürlich an Regionalsprachen interessiert. Da ich allerdings auch keine Deutschkenntnisse habe, fällt mir das Elsässische sehr schwer." Die meisten treibt schlichte Neugier und die Lust, ein kulturelles Erbe wiederzuentdecken, das heute gefährdet erscheint, in den Sprachkurs. Tatsächlich bedienen sich immer weniger Elsässer im Alltag der Regionalsprache. Ein Abiturient bedauert, dass der Dialekt in seiner Familie in Vergessenheit geraten ist: "Meine Eltern können auch kein Elsässisch, ich finde das schade und möchte etwas dagegen tun, bevor es zu spät ist." Philippe, ein 27-jähriger Student der Philosophie, wird in seiner Antwort grundsätzlicher: "Ich lerne Elsässisch, weil ich meine Wurzeln wiederfinden möchte. Ich habe wirklich das Gefühl, meine eigene Kultur verloren zu haben, weil meine Eltern mir den Dialekt nicht beigebracht haben, obwohl sie ihn beherrschen."
Das Elsässische ist übrigens kein einheitlicher Dialekt: Von Wissembourg bis St. Louis werden fünf unterschiedliche Ausprägungen der alemannisch-fränkischen Dialektfamilie gesprochen. Eine verbindliche Schriftform oder Grammatik gibt es nicht. Wie aber lernt und lehrt man einen Dialekt losgelöst von der Standardsprache, in diesem Fall dem Hochdeutschen? "Im Elsässischen schreibt man eigentlich alle Wörter so, wie man sie ausspricht" , erklärt Bénédicte Keck. "Es gibt aber einige Konventionen, wie zum Beispiel den Akzent auf dem betonten à."
Mit Hilfe des Lehrwerks "Wie geht´ s?" von Raymond Matzen und Léon Daul bringt Bénédicte Keck ihren Schülern Wendungen für den Alltag nahe. Ob "bim Zùckerbeck" , "in de Metz" oder im "Krämerlàde" , sie werden in Zukunft für alle Situationen die richtige Wendung parat haben. Damit in Zukunft, wie es der elsässische Kabarettist Germain Muller formulierte, wieder mehr Elsässer "bàbble, wie ´ ne de Schnàwwel gewàchse isch".
© Badische Zeitung - 18 mars 2006
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