Stirbt das Elsässische aus?

Die junge Generation fehlt / Lebendige Sprache fast nur noch für Alte und auf dem Land.


Seit Anfang der 90er Jahre gibt es wieder viele Bemühungen, die elsässische Mundart am Leben zu erhalten. Ob die Anstrengungen reichen, ist fraglich. Denn gerade die junge Generation fehlt.

Straßburg. »Also, versüeche mer’s üff Elsässisch?« Am Tisch sind alle einverstanden. Und so entwickelt Pierre Kretz das Thema, um das es an diesem Abend geht : »In welche Richtung entwickelt sich unsere Sprache?« Rund ein Dutzend Personen haben sich in den Tisch in einer Straßburger Wirtschaft geschart und lauschen den Ausführungen. »Der Bezug zu unserer Sprache hängt davon ab, wann man geboren ist«, sagt Kretz, Schriftsteller, Schauspieler und Regisseur in einer Person. Seine Berufe übt er zumeist in einer Sprache aus, die in den vergangenen Jahrzehnten einen starken Rückgang zu verzeichnen hatte : das Elsässische.
Anfang des 20. Jahrhunderts sprachen noch neun Von zehn Kindern mit ihren Eltern eine Variante des Dialekts, der zur deutschen Sprachgemeinschaft gehört. Laut Statistik waren es in den 1970er Jahren nur noch vier von zehn, die aktuelle Zahl dürfte unter diesem Wert liegen. »Ganz klar sieht man den Ruckgang der Sprecher in meiner Arbeit. Ich kann keine Stücke mehr spielen, in dem es den jungen Liebhaber gibt«, sagte Kretz. Er findet einfach nicht mehr genügend Nachwuchsschauspieler, die den Dialekt gut genug für das anspruchsvolle Theater beherrschen. Der Einbruch kam mit der Nachkriegsgeneration. Der Gebrauch des Französischen wurde gefördert, die wachsende Mobilität führte immer mehr Menschen aus anderen Regionen ins Elsass. Der Siegeszug des Fernsehens, zumeinst national und damit in französisch ausgestrahlt, tat sein Übriges.

Neues Bewusstsein


Erst mit den sozialen Bewegungen im Zuge der 68er Revolution entwickelte sich — nicht nur im Elsass - ein neues Bewusstsein für die Heimatsprachen. Doch jetzt kam zum Tragen, was in Frankreich seit einer anderen Revolution, der großen von 1789, staatlich fest-geschrieben ist : dass es für alle Burger nur eine Sprache geben kann. Nämlich die Französische. Was die Revolutionäre damals zum Wohle der Bevölkerung beschlossen hatten, müssen die Regionalsprachen in Frankreich noch heute ausbaden. Offiziell ist ihre Existenz vom Staat nicht anerkannt. Die europäische Konvention zum Schutz der Minderheitensprachen hat Frankreich nicht unterschrieben. Das macht verständlich, warum es langer und zäher Bemühungen bedurfte, um die Renaissance der Regionalsprachen einzuläuten. Die Einführung Anfang der 1990er Jahre eines zweisprachigen Unterrichts in französischen Schulen kann als bisher größter Erfolg verbucht werden.»Aber ich vertrete immer noch die These: Die Sprache stirbt«. Kretz’ Bemerkung bleibt nicht ohne Reaktion im Kreis’ seiner Zuhörer. Sie sehen sich als einen der Hoffnungsträger ihrer Sprache. »Junge fers Elsassische«— »die junge Generation fürs Elsässische«— haben sie ihren Verein genannt. Aber richtig jung sind die Teilnehmer nicht mehr. Mitte zwanzig aufwärts. Neben ihrem monatlichen Stàmmtisch für Jedermann bieten sie Sprachkurse an. »Zu denen kommen jedes Mal zwischen zehn und 15 Personen«, sagt der Vereinsvorsitzende Jean-François Wollbrett.
Auch wenn solche Zahlen ernüchternd scheinen : lm Vergleich zu anderen Regionen Frankreichs sieht es im Elsass noch gut aus für die Volkssprache. 39 Prozent der Erwachsenen, etwa 500000 Personen, gaben bei einer Umfrage 1999 an, Elsässisch zu sprechen. Nur das Korsische weist mit 45 Prozent einen höheren Anteil von erwachsenen Sprechern auf. Ein Schwätzchen auf Elsässisch zwischen Kundin und Verkäuferin ist in einem Straßburger Supermarkt keine allzu große Seltenheit. Auf dem Land sowieso nicht, wo die Mundart noch lebendiger ist als in der Stadt.

Theatergruppen


Etwa 300 Theatergruppen führen ihre Stücke - zumeist als Dorftheater - in elsässisch auf; das Regionalfernsehen France 3 strahlt Sendungen im Dialekt aus und lässt sogar Dokumentationen auf Elsässisch synchronisieren. Doch es ist nicht leicht, die Jugend zu gewinnen. Dem Elsässischen haftet das Etikett an, die Sprache der Alten zu sein. Die Lebenswelt zumindest in den Städten ist französisch geprägt. Und wen es ins Ausland zieht, der lässt sich sowieso eher von einer internationalen Fremdsprache locken. Wie schwer es tatsächlich ist, eine im Alltag gar nicht oder kaum benutzte Sprache künstlich am Leben zu erhalten, zeigt sich bereits am Stàmmtischabend der »Junge fers Elsassische«. Nachdem Kretz zu Ende geredet hat, geht die Parole um : »Wer jetzt als Erster wieder anfängt, in Französisch zu reden, gibt eine Runde aus.«Die Bestellung ist schon nach wenigen Minuten aufgegeben.
Morgen lesen Sie dem Interview mit Guy Dahl, dem Leiter des »Amtes für Sprache und Kultur im Elsass«.
Mit der Völkerwanderung im 5. Und 6 Jahrhundert n. Chr. kam der Germanenstamm der Alemannen ins Rheintal. Aus ihrer Sprache entwickelten sich nicht nur das Badische und das Schweitzerdeutsch, sondern auch die meisten Varianten des elsässischen. Heute unterscheidet man fünf Dialektzonen, die sich von Norden nach Süden erstrecken. So ist zum Beispiel das in Straßburg gesprochene Elsässisch ein anderes als das von Mülhausen. Aber die Verständigung klappt meist ohne Probleme. Gleiches gilt, wenn Elsässer und Badener in ihren DiaIekten miteinander reden. Anders ist es mit den westlichen Nachbarn der Elsässer. Sie gehören der so genannten romanischen Sprachgruppe an, deren Wortschatz und Grammatik, genauso wie das Standardfranzösisch, stark vom Lateinischen geprägt sind. Weitere Infos zu dem Thema unter www.olcalsace.org.


VON KAY WAGNER

© Mittelbadische Presse - 07/11/2003